von Tobias Sasse

Die Große Koalition hat im Koalitionsvertrag den Rahmen für die nächsten vier Jahre Bundespolitik abgesteckt. Auch Suchmaschinen sind Teil des Koalitionsvertrages. Im Abschnitt „Netzneutralität“ heißt es:

Neutralität ist auch von Suchmaschinen zu verlangen, die sicherstellen müssen, dass alle Angebote diskriminierungsfrei aufzufinden sind.

Eine genaue Erklärung fehlt, es bleibt viel Interpretationsspielraum. In der Essenz bedeutet der Satz aber wohl nichts anderes als, dass alle Webseiten gleichberechtigt in den Suchergebnissen aufzufinden sein müssen. Wie dieses Ziel zu erreichen ist, wird nicht genannt. Warum es aber so wichtig ist, neben allen Datenschutz-Problemen und Geheimdienstaffären auch über die Neutralität der Suchmaschinen nachzudenken, darum geht es in diesem Artikel.

Warum neutrale Suchergebnisse wichtig sind

Während die öffentliche Diskussion angesichts der NSA-Affäre fast ausschließlich mehr Datenschutz fordert, geht die Forderung nach Neutralität noch weiter. Dazu muss man sich vor Augen führen, welche Situation am Suchmaschinenmarkt herrscht. Die aktuelle weltweite Verteilung der Suchmaschinen ist folgende:

  • 70% Google
  • 16% Baidu (chinesischer Marktführer)
  • 6% Yahoo!
  • 5% Bing (Microsoft)
  • Dahinter folgen mit je weniger als einem Prozent kleinere Google-Ableger (z.B. AOL), Metasuchen wie Excite oder Nischenmaschinen wie Ask.

Man könnte sagen, dass 70% aller Suchanfragen weltweit von Google und 16% von einer chinesischen Suchmaschine beantwortet werden. In Deutschland hat Google dagegen sogar über 90%. Andere Suchmaschinen spielen hier keine Rolle bei der Informationsbeschaffung.

Die wichtigste Frage ist: wie können wir sicherstellen, dass Suchmaschinen neutrale Ergebnisse liefern? Wenn Richter, Wissenschaftler, Journalisten oder Politiker nach Informationen suchen, dann kann derzeit niemand garantieren, dass die ersten Suchergebnisse neutral und repräsentativ sind! Eine Suchmaschine mit einer Marktmacht von über 90% könnte ohne weiteres subtile Änderungen an den Suchergebnissen vornehmen, die das Bild verzerren und damit die öffentliche Wahrnehmung verfälschen. In der Masse würde dadurch die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung in allen Bereichen der Gesellschaft beeinflusst. Ob es so ist, kann niemand wissen. Aber die Gefahr besteht und sollte nicht ignoriert werden.

Die Große Koalition hat nun also die Neutralität der Suchmaschinen auf ihre Agenda der nächsten 4 Jahre gesetzt. Das ist zu begrüßen. Nun sind die Experten gefragt, um das Bauchgefühl unserer Regierung zu einem „Ja, wir müssen handeln!“ zu verstärken und die Sachkenntnis zu liefern, um daraus eine wirkungsvolle Rechtsgrundlage abzuleiten. Das darf übrigens gerne von allen Suchmaschinen- und Internet-Experten als Aufruf verstanden werden!

Wie kann man die Neutralität eines Suchalgorithmus prüfen?

Man nehme zwei Webseiten. Eine steht in der Suchmaschine auf Platz 1, die andere auf Platz 5. Wie kann der Webmaster an Platz 5 jemals prüfen oder belegen, ob er unzulässig benachteiligt wird? Meine Antwort darauf ist:

Niemand kann die Neutralität von Suchergebnissen beurteilen

Der Suchalgorithmus fällt selbstverständlich und aus gutem Grunde unter das Geschäftsgeheimnis. Denn die Sortierung und Selektion der Suchergebnisse ist der einzige Wettbewerbsvorteil einer Suchmaschine. Sobald dieser Algorithmus und die Sortierreihenfolge der Suchmaschinen im Detail nachvollziehbar wäre, könnte der Algorithmus entweder von direkten Konkurrenten nachgebaut oder von Spezialisten (zum Beispiel Suchmaschinenoptimierern) manipuliert werden.

Tatsächlich findet unter den Suchmaschinen eine Wettrüsten statt. Grundlage der „Rankings“, also der Suchergebnispositionen, ist der PageRank, der von den großen Suchmaschinen wegen seiner Manipulationsanfälligkeit ständig durch neue Konzepte verfeinert und korrigiert wird.

Eine mögliche Lösung: das „Browser-Prinzip“

Wenn man die Neutralität nicht prüfen kann, braucht es eine andere Herangehensweise. Eine Möglichkeit wäre, marktbeherrschende Suchmaschinen zur Einmischung fremder Suchergebnisse zu verpflichten. Diese Idee widerspricht auch nicht dem freien Markt. Im Gegenteil, der Schutz vor Kartellen und Monopolen, die den Markt beherrschen, ist eine wichtige Grundlage der freien Marktwirtschaft.

Die EU hat etwas ähnliches bereits im Browser-Urteil gegen Microsoft vorgemacht und die Effektivität bewiesen. Der (ehemals) marktbeherrschende IT-Konzern wurde verpflichtet, den Nutzern seines Betriebssystems die Wahl zu ermöglichen, zwischen Internet Explorer (IE), Firefox, Google Chrome, Opera und anderen Browsern.

Suchergebnis mit Alternativen

Fotomontage: Suchergebnisse mit Hinweisen auf andere Suchmaschinen (Click für Vollansicht!)

Dasselbe Prinzip könnte in Suchmaschinen so aussehen: unter Platz 3 sieht man auf der Fotomontage eine Infobox, in der auf andere wichtige Suchdienste hingewiesen wird. Nutzer, die mit dem Suchergebnis nicht zufrieden waren oder die sich für andere Suchtreffer interessieren, können per Klick zu den entsprechenden Suchergebnissen einer anderen Suchmaschine wechseln.

Die Box besitzt in unserem Fantasiebild eine Schließen-Schaltfläche und einen Hinweis auf weitere Informationen, so dass es den Nutzern überlassen bleibt, ob sie den Hinweis in Zukunft sehen möchten oder nicht.

Wird Suchmaschinen-Neutralität nun fester Bestandteil der Politik?

Ob und wie unsere Regierung sich dem Thema Suchmaschinenneutralität nähert, ist kaum vorhersehbar. Der Koalitionsvertrag bietet jedenfalls viel Anlass zur Skepsis und könnte als bloße Willensbekundung aufgefasst werden. Dennoch ist es ein Lichtblick, dass in diesem Rahmen nun endlich Bezug auf Suchmaschinen genommen wird. Es ist Aufgabe der Öffentlichkeit, die Große Koalition auch an dieser Aussage zu messen und zu fragen, mit welchen Maßnahmen neutrale Informationsbeschaffung dauerhaft sichergestellt wird.

Seite 10 bei Google – dieser Artikel wurde aussortiert

Nachtrag vom 05.01.2013:
Wer heute nach diesem Artikel sucht, findet ihn bei Google auf Platz 98. Niemand wird so weit in den Suchergebnissen stöbern. Dieser Artikel – all die oben aufgeführte Argumentation – wird also ausgefiltert. Glaubt man dem Suchmaschinenriesen, dann sind für solche Maßnahmen allein qualitative Kriterien relevant. Der Artikel wurde allerdings zum Jahresende 2013 sogar auf der Homepage der Piratenpartei als Leseempfehlung geführt und sollte damit fachlich und stilistisch nicht viel Anlass zur Zensur bieten. Dennoch wird er in dieser Form nicht von Google zur öffentlichen Diskussion zugelassen.

Weiterführende Quellen: