Das Internet vergisst nie?

Jeder kennt den Spruch „Das Internet vergisst nie!“. Er gehört zum Standard-Repertroire von Datenschützern und Netzaufklärern. Mit erhobenem Finger wird darauf aufmerksam gemacht, dass es im Internet ratsam ist, sparsam mit persönlichen Daten umzugehen. Allzu leicht könnte jemand über hässliche Fotos oder trollige Kommentare stolpern, die in einer Laune veröffentlicht wurden und – aus dem Zusammenhang gerissen – jemanden in ein schlechtes Bild rücken. Nicht zuletzt deshalb flammt in politischen und wissenschaftlichen Kreisen immer wieder die Diskussion um ein Recht auf Vergessen auf.

Doch ist ein Recht auf Vergessen wirklich notwendig? Studien belegen inzwischen, dass im Internet durchaus vieles „vergessen“ wird. Unser Webkatalog hat damit auch einschlägige Erfahrung, denn von den hunderten neuer Websites, die uns im Monat angeboten und von uns freigeschaltet werden, verschwinden ständig welche. Statt der ursprünglichen Inhalte stehen dann dort im besten Falle neue Websites mit anderen Inhalten, oder aber es bleibt nur eine Fehler- oder Domainparking-Seite übrig. Ähnlich verhält es sich mit Quellen über aktuelle und wichtige Ereignisse. Einer Studie (PDF) zufolge sind schon nach einem Jahr 11% aller bei Twitter referenzierten Beiträge über solche Ereignisse verschwunden. Es wurden Hash-Tags für H1N1, Obamas Nobelpreis und Michael Jacksons Tod untersucht und die Existenz der dortigen Quellen geprüft.

Das Internet funktioniert wie ein Gedächtnis

Das Netzt vergisst also sehr wohl und man könnte diesen Mechanismus mit dem Gedächtnis des (menschlichen) Gehirns vergleichen. Was wichtig ist, bleibt. Was unwichtig ist, wird vergessen. Stellt sich die Frage, wer entscheidet, was wichtig oder unwichtig ist. Im Gehirn gibt es zwei komplexe Systeme, einerseits das chemische, das mit Botenstoffen arbeitet. Andererseits das reizbasierte, das direkt durch die Aktivitäten während Wach- und Schlafphasen für die Aktivierung und damit Erinnerung von Gedanken sorgt. Denn wer etwas wiederholt, lernt es und vergisst es nicht mehr.

Im Internet gibt es ebenfalls verschiedene Mechanismen zur Auffrischung von Erinnerungen bzw. für deren Vergessen, die man auf den Begriff Relevanz reduzieren kann. Aber hierbei muss man sehr vorsichtig sein, denn Relevanz ist relativ: für wen ist die Information relevant? Das Internet ist heute (ganz im Gegensatz zur Zeit seiner Entstehung) zu einem Großteil wirtschaftlich motiviert. Informationen, mit denen jemand Geld verdient, bleiben dauerhaft erhalten. Rein privat, gemeinnützig oder liebhaberisch eingestellte Informationen dagegen verfallen relativ schnell. Es lässt sich gut in unserem Webkatalog beobachten. Für private Blogs, kleine Shops, Foren und Hobbyseiten setzen wir besondere Qualitätskriterien an, weil die Gefahr recht groß ist, dass diese Arten von Websites binnen weniger Monate nach der Aufnahme verschwinden und einen toten Link hinterlassen. Letztendlich wird dann von den Suchenden bei Google & Co nur noch unser Eintrag gefunden – BeamMachine als letztes Echo einer vergessenen Information. Wir verweisen dann gerne auf ähnliche Inhalte innerhalb unseres Webkatalogs.

Forderung nach Verfallsdaten im Internet

Ist also die Forderung nach einem Verfallsdatum im Internet ein unsinniger Hype, mit dem sich Wissenschaftler und Politiker in Sachen Netzkompetenz profilieren möchten. Ja, bestimmt ist es ein Hype und dient der Profilierung. Aber unsinnig ist die Forderung nicht unbedingt. Zwar geht es dabei um ein Problem, dass gar nicht ohne weiteres Lösbar ist. Die Anforderung wäre, Daten nur noch verschlüsselt zu speichern und zu verarbeiten. Daraus resultiert, dass weite Bereiche des Internet nur noch von profitablen Unternehmen unterhalten werden könnten, denn der technische Aufwand wäre groß. Denn nur solche Unternehmen könnten mit der Komplexität von Verschlüsselung angemessen umgehen und auch die erforderlichen Rechenkapazitäten bereitstellen. Hobbyisten dagegen hätten schon Schwierigkeiten, mit selbstprogrammierten Websites der Anforderung gerecht zu werden. Und auch kleine Unternehmen würden erheblich investieren müssen, um Rechenleistung und Entwicklungsaufwand leisten zu können.

Es gibt noch weitere Probleme, die ein Verfallsdatum für Daten im Internet nicht sehr sinnvoll erscheinen lassen. Zum einen muss man feststellen, dass es bereits Datenschutz im Internet gibt. Persönliche Daten dürfen nach deutschem Recht nicht beliebig verwendet werden. Solange dieses geltende Recht nicht durchgesetzt werden kann – sei es durch internationale Anbieter, die nur bedingt deutscher Rechtsgewalt unterstehen – wäre es eine kühne Annahme, dass ein Verfallsdatum leichter zu erzwingen wäre. Dann müsste man sicherstellen, dass die Daten wirklich auf der gesamten Linie verschlüsselt bleiben. Sobald sie an einer beliebigen Stelle unverschlüsselt sind, und sei dies am Bildschirm des Nutzers, besteht die reelle Gefahr, dass sie in dieser Form kopiert (oder einfach abgeschrieben) werden und danach unverschlüsselt zugängig gemacht und verarbeitet werden.

Das Internet vergisst manches nie!

Was das Wörtchen „manches“ doch ausmacht. So sollte jeder Internet-User davon ausgehen, dass die im Internet feilgebotenen Daten dauerhaft bestehen bleiben, denn das Potenzial dazu haben.sie allemal. Weiter bleibt vielleicht die Lehre, dass keine Daten im Internet sicher gespeichert sind – im Sinne von dauerhaft gespeichert. Daten sind auch im Internet potenziell flüchtig, selbst wenn man im (Achtung, Buzzword) Cloud-Zeitalter ein anderes Gefühl hat. Und Daten sind so flüchtig, dass man nie wissen kann, wohin sie sich verflüchtigen. Wer Wert auf seine Daten legt, behält sie also für sich. Und wer Wert auf seine Informationen legt, archiviert sie besser selbst und verlässt sich nicht auf das Internet.