Wer sich an den Blockbuster „Rain Man“ erinnert, weiß, was Autismus ist. Eine Behinderung, die das Telefonbuch überflüssig macht. Kurz, bevor Dustin Hoffmans Schauspielkunst wieder in Vergessenheit geraten konnte, ist es endlich so weit. Einer von 50 Menschen leidet unter einer unauffälligen Form des Autismus und wenn Sie eine Telefonnummer suchen, fragen Sie doch einfach mal die Menschen in der näheren Umgebung. Es wird sich jemand finden, der aus dem Gedächnis aushelfen kann.

Doch genug der billigen Rhetorik, denn hier geht es nicht um Hollywood, sondern um den Leidensweg, den viele Menschen teilen. Es geht um das Asperger-Syndrom, eine klassifizierte Erkrankung (ICD-10 F84.5 / Psychische- und Verhaltensstörungen), die nicht mit der Romantik hochspezialisierter Inselbegabungen einhergehen muss. Dabei geht es also nicht um besondere Talente, sondern um Menschen, die vor allem ihr soziales Umfeld anders wahrnehmen und sich dadurch sozial auch anders als die Norm verhalten. Neben der sozialen Abweichung gibt es auch Abweichungen im Denken und in den Interessen.

Autistische Störungen bedeuten immer eine besondere Ich-Bezogenheit und eine geringeres Verständnis und Interesse gegenüber der anderen Menschen. So fällt es auch an Asperger leidenden Menschen schwer, ihre Mitmenschen einzuschätzen und zu ihnen einen normalen Kontakt herzustellen. Dies sollte jedoch nicht mit fehlender Empathie, also dem Mitgefühl mit anderen, verwechselt werden. Autisten und Asperger-Patienten berichten von einer sehr intensiven Gefühlswelt und starkem Mitgefühl. Es fehlt jedoch aufgrund sozialer Einschränkungen häufig an der Möglichkeit, diese Gefühle adäquat im sozialen Kontakt mitzuteilen.

Vergleich Asperger <-> frühkindlicher Autismus

Man muss zwischen frühkindlichen Autisten (wie der Filmrolle Rain Man) und Asperger-Autisten deutlich unterscheiden. Frühkindliche Autisten haben den „Vorteil“, relativ leicht diagnostizierbar zu sein. Sie bauen bereits im frühen Kindesalter keine normale Beziehung zu ihren Eltern auf, meiden Körperkontakte bereits als Baby. Später fällt meist eine Entwicklungsverzögerung und eine starke Verschlossenheit auf, gepaart mit ausgeprägten Zwängen.

Anders bei Asperger: Die frühkindliche Entwicklung ist normal. Erst ab dem dritten Lebensjahr sind Asperger-Kinder verhaltensauffällig, tun sich schwer, mit gleichaltrigen Kindern gemeinsam zu spielen. Sie ecken an, lassen das Spiel anderer Kinder nur begrenzt zu und sondern sich eher ab. Die intellektuelle Entwicklung hingegen ist bei Aspergern meist normal bis überdurchschnittlich. Selbst allgemeines Wissen ist so weit vorhanden, dass diese Kinder und Erwachsenen im Alltag passabel funktionieren, normale Jobs ausüben können und allenfalls als etwas sonderbare Spezialisten auffallen.

Ähnlich des frühkindlichen Autismus ist das Asperger-Syndrom allerdings auch mit besonderen Interessen und einer Detailverliebtheit (Perfektionismus) verbunden. Der Blick auf’s große Ganze ist Aspergern nur eingeschränkt möglich. Asperger neigen also dazu, Details zu bemerken und zu begreifen, während das Gesamte sie überfordern kann. Prioritäten werden schlechter erkannt, Ziele ungünstig gewichtet oder diese Gewichtung nicht in die Tat umgesetzt. Das bedeutet häufig einen Rückzug in ein Spezialgebiet, in dem Asperger mitunter sehr erfolgreich sein können und sehr gut funktionieren, sich jedoch auch leicht verzetteln. Das Spezialinteresse überwiegt im Alltag der meisten Asperger das Notwendige.

Sozialleben aus Asperger-Sicht

Doch zurück zur sozialen Komponente. Aspies, wie sie sich in ihren Communities und Foren selbst nennen, fühlen sich gelegentlich wie auf einem anderen Planeten, dessen Bewohner und Regeln sie nicht leicht verstehen. Die komplexe Mimik der Menschen ist ein wichtiges Mittel der Kommunikation. Sie zeigt, wie sich der andere fühlt und wo er sich Gedanklich gerade befindet. Sie ist so komplex, dass sie nur intuitiv begriffen und genutzt werden kann. Asperger haben hier Defizite.

Mimik und Tonfall der Gesprächspartner wird schwächer intuitiv wahrgenommen, genutzt und verstanden. Statt dessen behelfen sich Aspies mit Analysen des Gegenüber, um auf die subtilen Signale zu reagieren. In einer direkten Kommunikation sorgt dies für Verzögerungen, falsche Signale und damit für Missverständnisse. Unter dieser Voraussetzung fällt es Aspergern schwer, enge soziale Beziehungen aufzubauen.

Asperger-Diagnose

Der Unterschied zwischen einem frühkindlichen Autisten und einem Asperger-Kandidaten ist leicht erklärt, wie oben geschehen. Doch wie sieht es mit der Abgrenzung eines Aspergers von einem „normalen“ Menschen oder noch schwieriger, von einem Geek oder Nerd aus?

Diese Frage, die sich hier fast am Ende ergibt, ist einer der Gründe dafür, dass es aktuell einen Asperger-Boom zu geben scheint. Statistiken zufolge soll bis zu jeder 50. Mensch an Asperger „leidern“. Fassen wir einmal die Beschreibung zusammen:

  • Sozial ungeübt und „sonderlich“
  • Hochspezialisiert mit besonderen Interessen
  • Detailverliebt und Perfektionistisch
  • Intelligent

Wem fallen da nicht auf Anhieb etliche ehemalige Schulkameraden oder Kollegen ein. Doch sind sie alle potenzielle Asperger-Patienten. Wohl kaum, jedoch sorgt es für ein neues Gemeinschaftsgefühl auf einer Ebene, die Aspies und andere Menschenscheue gut handhaben können.

Das Internet und die indirekte Kommunikation über Blogs, Foren und E-Mails schließen intuitive und subtile Kommunikationssignale fast vollständig aus, bieten Spielraum für Perfektionismus und funktionieren angenehm sachlich und technisch. Kommt es dann noch darauf an, zwischen Asperger, Geek, Sozialphobiker oder anderen Persönlichkeitsstörungen zu unterscheiden?

Sollten sie alle zum Psychologen gehen, um sich klassifizieren zu lassen? Aus Sicht vieler Therapeuten ganz bestimmt… denn es locken regelmäßige Einkünfte aus gesetzlichen Krankenkassen. Allein der Nutzen einer Diagnose ist fraglich. Wer von sich glaubt, vom Asperger-Syndrom betroffen zu sein, könnte sich genau so gut selbst fragen: passt diese Diagnose für mich? Wie gehe ich mit meinem Asperger-oder-so um? Was brauche ich wirklich, um mit mir und meinem Leben zufrieden zu sein?

Es kann sein, dass es sich um eine Art Defekt handelt, der für Nachteile im sozialen Umgang sorgt. Aber es kann auch sein, dass es sich einfach um einen nur sehr auffälligen und recht häufigen Schlag Mensch handelt, der mit sich und seiner Umwelt etwas mehr hadert, als vielleicht notwendig.

Asperger-Therapie

Die Kranheitsdiagnose sollte auf wirkliches Leid und wirkliche behandlungsbedürftige Krankheiten beschränkt sein. Das Asperger-Syndrom ist selbst nicht behandelbar. Behandelbar ist nur die negative Auswirkung, die das Anecken auf die Psyche des Betroffenen hat. Asperger-Patienten haben seit ihrer frühen Kindheit das Gefühl, nicht dazu zu gehören und die anderen Menschen nicht zu verstehen. Sie betrachten sich und ihr Umfeld von außen und entwickeln Strategien der Vermeidung oder Imitation, um möglichst wenig negativ aufzufallen. Ihre teils unpassenden Reaktionen auf das soziale Umfeld sorgen für Kritik, Spott und Unverständnis. Das verursacht psychische Probleme, die den eigentlichen Leidensdruck ausmachen.

Abgesehen davon ist ein Asperger mindestens so „intakt“, wie normale Menschen auch. Auch Normalos haben Depressionen, auch Normalos fühlen sich einsam und auch Normalos pflegen seltsame Hobbies.